Entwicklung von Kommunikationsformen

Parameter für historischen Fortschritt?

Der Fortschritt in der Geschichte der Menschheit kann unter den verschiedensten Blickwinkeln analysiert werden. Man denke an die historische Tradition der Dynastiengeschichte, die die Entwicklung unter dem Aspekt der jeweils herrschenden Dynastie sah, an den Marxismus, der jegliche Entwicklung auf den doktrinären Prüfstein gesellschaftlicher Entwicklung legte. Ein interessanter und zu reflektierender Aspekt kann darin gesehen werden, Fortschritt an der Entwicklung menschlicher Kommunikationsformen zu messen.   

Dies hat erstmal in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der kanadische  Medienphilosoph Marshall McLuhan (1911-80) versucht. Unterteilt man die Fortschritte der Menschheit nach Fortschritten in der Kommunikation, stagniert unser Mittelalter durch die Unterbindung des Papyrusnachschubs durch die islamischen Völker und die Abhängigkeit von dem kostspieligen Pergament, die Bildung zu etwas Elitärem machte. Die im Spätmittelalter allmählich erlernte Herstellung von Papier (China) und schließlich der Buchdruck mit beweglichen Lettern wurden die Grundlage für  einen kommunikativen wie sozialen Fortschritt (Bibelübersetzung - Reformation - Aufklärung). Die durch den Buchdruck mechanisierte Schrift leitet eine neue Arbeitsteilung und eine Erweiterung menschlicher Aufgaben ein, die rasch zu einer Massenindustrie und zu schnell produzierbaren Informationsschriften, Periodika, Zeitungen führte, die wiederum das politische Bewusstsein durch öffentliche Meinungsbildung förderten. Von den ersten dampfgetriebenen Druckmaschinen (1810) über die Rotationsdruckmaschinen führt der Weg der Entwicklung über die Schreibmaschine, sowie die  Linotype-Setzmaschinen  und die Zeit und Ort überwindenden Kommunikationsmedien in die Gegenwart der Computer-Technologie. Der Telegraph konnte die Wegstrecken schneller als ein Bote überwinden und 1858 verband das erste Atlantikkabel die Alte mit der Neuen Welt, die bereits drei Jahre später quer durch den Kontinent Telegraphenkabel verlegt hatte. Die Telegraphie veränderte die schriftliche Kommunikation und damit die Sprachen entscheidend.

Die Fotographie, das Bild und das Grammophon, der Ton sind die nächsten Schritte der Kommunikationsentwicklung, die zunächst lokal gebunden zur wesentlichen Ergänzung kommunikativer Effizienz führten. Die Überwindung der kabel- und mediumgebundenen Distanz durch Funk und Radio zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzten neue kommunikative Kräfte frei. Die berühmte Sendung von Orson Welles über die Invasion vom Mars verdeutlichte die unmittelbare Wirkung des neuen Mediums. Die Herrschaft der Nationalsozialisten über den Rundfunk ermöglichte die erste medienbestimmte Herrschaft über Menschen und dokumentiert erstmals die Wirkung moderner Propaganda.

Parallel dazu bietet die Entwicklung und Verbreitung des Mediums Film über das Fernsehen und seine Konservierung (Video, CD, DVD) einen entscheidenden Schritt zur Perfektionierung der kommunikativen Fähigkeiten des modernen, posttelevisionären Menschen.  Mc Luhan sieht in der Möglichkeit, über Satelliten die Kommunikation weltweit rezeptiv verfügbar zu machen, einen Versuch der Ausweitung des menschlichen Nervensystems mit Folgen in der Organisation der gesamten Menschheit. Mit dem Computer, der multimedialen Darstellung und den Möglichkeiten des Internets gerät der Mensch schließlich in einen globalen Sog, der den Zeitfaktor für Entscheidungen (Wirtschaft, Börse, Daten) und Verhaltensmuster (Mündigkeit, Demokratisierung) global zu lenken vermag: Durch die kommunikativen Innovationen werden neue Käfte und Energien weltweit freigesetzt, deren Folgen wir noch nicht zu beurteilen in der Lage sind.    

Es ist deshalb für die Sprachwissenschaft von besonderem Interesse, den Kommunikationsvorgang mit allen seinen Facetten zu untersuchen. 
  
 


 

 

 

 
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