Erläuterungen zu den Texten


 

Dieser neutestamentarische Text weist in seiner lateinischen Version zwar noch wesentliche Strukturen des klassischen Lateins auf, ist jedoch schon etwas näher an der damals gesprochenen Volkssprache. Er gehört zum christlichen Latein, einem Lateinischen, das die Beschäftigung mit dem griechischen Originaltext widerspiegelt, das aber auch zum Predigen be­nutzt wurde. Erst in jüngster Zeit ordnet man das christliche Latein den Sondersprachen zu.
Die frühen Christen waren eine soziale Gruppe mit Sonderinteressen, etwa spezifischem Schutzbedürfnis, Abgrenzung von der heidnischen Umwelt, sozialem Engagement und hoher Disziplin. Die (übersetzte) Sprache ihrer Heiligen Schrift, stark an griechische Vorbilder angelehnt, und die messianische Heilsbotschaft, die über die Sprache vermittelt wurde, setzte den römischen Sprachkolonialismus auf intellektuellem Gebiet und im täglichen Leben fort. Ebenso wie das "Vulgärlatein" ist der Ausdruck "christliches Latein" Anlass zu terminologischer Problematisierung gewesen. Die gesprochenen Varietäten des christlichen Latein (Predigten) sind sicherlich auch dem Vulgärlatein zuzuordnen. Die schriftsprachliche Form des christlichen Latein blieb nicht ohne Einfluss auf die gesprochenen Sprachvarietäten, allerdings je nach geographischer Lage in unterschied-licher Intensität: Über das Kirchenlatein vermittelte Einflüsse lassen sich zum Beispiel in der rumänischen Sprache wegen der dort vorherrschenden Dominanz der altkirchenslawischen Ritualsprache nicht nachweisen.
Vergleicht man nun diesen kurzen Text in den verschiedenen Sprachen, erkennt man zunächst deutliche Gemeinsamkeiten, die die nahe Verwandtschaft der romanischen Einzelsprachen dokumentieren.
Beschränkt man sich auf die lexikalischen Konvergenzen, ist beispielsweise folgendes zu beobachten:

In den romanischen Textproben werden für das Wort alle ausschließlich aus dem klassischlateinischen Wort totus abgeleitete Lexeme verwendet: toti, tóuti, tothom, todos, tutti, tuts, tuot, tous, tu . Dies ist eines von vielen lexikalischen Beispielen für die konvergente Entwicklung der romanischen Varietäten, wobei im lateinischen Originaltext an dieser Stelle omnes verwendet wird. Dies verdeutlicht, dass das Lateinische für die romanische Interkomprehension, nämlich das (gegenseitige) Verstehen der einzelnen Varietäten, nicht unbedingt die beste Ausgangsbasis ist. Die Kenntnis einer der modernen Sprachen führt hier schneller zum Erfolg als die des "Urahnen" Latein.
Die bibellateinische Städtebezeichnung urbs war in der Klassik ausschließlich der Stadt Rom vorbehalten, andere Städte wurden mit oppidum bezeichnet. In den romanischen Sprachen werden andere Lexeme verwendet: cetate, població, endré, població, cidade, cità, città, ciudad, mercau, vschinedi und ville, vil. Immerhin 5 Sprachen verwenden ein aus civitatem abgeleitetes Wort, das sich in seinem lateinischen Ursprung in erster Linie auf die bürgerschaftliche Organisationsform bezog, nicht jedoch auf das geographische Gebilde. Das Wort cité existiert aber (neben ville) auch im Französischen, wenn auch mit Bedeutungsspezifizierungen. Und neben població kennen auch das Katalanische und Okzitanische das verwandte ciutat. Es handelt sich bei cité und seinen Verwandten offensichtlich um ein hochgradig interkomprehensives Element, während das lat. urbs verschwunden ist und nur in gelehrten Derivaten wie urban und Urbanisierung im Deutschen wie in der Romania überlebt hat.
Bei einzelnen Lexemen hat eine so divergente Entwicklung in der Romania stattgefunden, dass sie nicht (mehr) interkomprehensibel sind. Diese profilhaften Elemente einer romanischen Sprache, ihre Partikularitäten und strukturellen Besonderheiten sind es, auf die die EuroCom-Methode mit Hilfe der Profilwörter und der Sprachportraits zu jeder einzelnen Sprache eingeht und so ermöglicht, auch Texte zu erschließen, die Elemente enthalten, die nicht auf Anhieb interkomprehensibel sind.
 

Ein Beispiel aus unseren Textproben für derartige lexikalische Divergenzen sind die verschiedenen Ausdrücke, die die einzelnen romanischen Sprachen für die lateinische Ablativkonstruktion diebus illis ("in jenen Tagen", "zu jener Zeit") entwickelt haben: Während das lateinische dies (und das Derivat diurnus) noch in 7 Sprachen "weiterverwendet" wird, werden in den anderen Sprachen aus dem lateinischen tempus abgeleitete Formen wie tempu, temps, tah verwendet. Das Rumänische kennt zwar beide Traditionen, zi und timp, verwendet aber hier das slawische Wort vreme . Völlig verschwunden ist die morphosyntaktische Struktur des temporal verwendeten Ablativs.
Auf das lateinische Demonstrativpronomen ille gehen mit Ausnahme des Sardischen alle bestimmten Artikel im romanischen Sprachraum zurück . Allerdings kennt das Lateinische selbst die Artikelkategorie als solche überhaupt nicht.
Die romanischen Demonstrativa in den Textproben bedienen sich neuerer Formen wie quei, aquells, quels, aquéli, aquelles, quei, aceea, aquellos, wiederum alle einander ähnlich und verständlich. Sie haben sich aus vulgärlateinischen Kontaminationen von Wörtern wie atque und ille gebildet und spiegeln den Bedeutungs- und Funktionswandel in der Romania deutlich wider.
Dem lateinischen haec descriptio (fachsprachlich für Volkszählung) entspricht in den romanischen Sprachen: ce recensement, questo censimento, aquest cens, aquéu recensamen, este alistamento, questa registraziun, inscriera aceasta, stu ricensamentu, aquest cens, este censo .
Abgesehen von dem rumänischen inscriera, das den Bestandteil der "-scriptio" als Derivat von lat. scribere, dt. schreiben, beibehält, hat keine der romanischen Sprachen das lateinische descriptio in dieser fachsprachlichen Bedeutung übernommen. Nur die humanistische Form descriptio hat im europäischen Wortschatz eine Heimat gefunden und ist auch im deutschen Wortschatz als Fremdwort vorhanden.
Auch bei den Demonstrativpronomina sind zumindest auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten mit dem Lateinischen zu erkennen, wenngleich auch diese sich panromanisch entwickelt haben und sich daher ähneln. Dahinter steht nicht das lat. Demonstrativum hic, haec, hoc (dt. dieser, diese, dieses), sondern wiederum Kontaminationen aus lateinischen Elementen wie atque und iste (dt. etwa : und eben der da), die einen entsprechenden funktionalen Wandel hinter sich haben.
Bereits diese wenigen lexikalischen Beispiele aus unseren Sprachproben dokumentieren, dass etymologisierende Aspekte bei der synchronen Herangehensweise der Interkomprehensionsforschung unberücksichtigt bleiben können: Zwar lassen sich eine Reihe lexikalischer Transferbasen aus dem Lateinischen herleiten, aus der synchronen Betrachtung der romanischen Einzelsprachen resultiert jedoch ein weit höherer Anteil an transferfähigem Material. Für die Methode des Optimierten Erschließens sind daher die protoromanischen Gemeinsamkeiten von größerer Bedeutung.
Trotz dieser wenig vorteilhaften Rolle des (klassischen Schul-) Lateinischen als lexikalischer Transferbasis soll in diesem Buch anhand der Entwicklung vom Lateinischen zu den protoromanischen Varietäten gezeigt werden, worin die Unterschiede zum Lateinischen beruhen und worauf die panromanischen Parallelitäten basieren.
Auf der Basis der so gewonnenen Erkenntnisse lassen sich die eigentlichen Hintergründe für die bestehenden Divergenzen und Konvergenzen in der Romania nachvollziehen, die schon das Protoromanische dokumentiert.
 


Aus: Horst G. Klein & Christina Reissner, EuroComRom: Historische Grundlagen der romanischen Interkomprehension, Aachen (Shaker) 200, S. 23-26.